Mondblumen (Zyklus)
Gedichte ohne Titel
12/ 08 – 2/ 09
*
täglich zogen wir
bei wachsender Zahl
unter ohrenbetäubendem Klagen
ein endlos verschlingendes Loch
auf einen verdunkelten Berg
niemand wusste warum
niemals kamen wir an
*
wie sie aus den Fenstern
wie die großen Augen
dicht an dicht
wie sie unbeweglich starr
die Gebäude daneben
wie der Himmel obendrüber
*
der feine Sandstrand abtransportiert
zeig mir wo das Licht uns findet
trübe Schleier hängen ins Meer
ich kann sie hören
die affigen Girlanden schmücken umsonst
es ist nur ein Wimpernschlag
hinter die Weite
*
das Blau des Himmels sticht mir ins Gemüt
wie es in mich hineinsickert
auf die alten Narben
die Sonne
dieses Inmichhineinbluten ihrer Strahlen
meine Gedanken verschwimmen
im Erinnerungsbrei
bis zum Abend
*
goldene Orchideen fließen ins Bild
von dunklen Wellen unterbrochen
das Lippenrot liegt fein zerstäubt
der Ausdruck der Augen fleht
*
hast du die trübe Tasse satt
bemal sie
du kannst sie verkaufen
*
das Meiste dämmert
vorsätzlich vor sich hin
oder endet im Blutbad
wenn ohne Sinn
virtuose Schneckenhäuser
massenhaft klein
mehr arm noch als hilflos
wem soll´n sie auch schreien
lieber kurz denken
wer weiß was noch kommt
man hat nur ein Leben
alles andere – ach komm
*
es ist bitter
die Tage vergehen
und es werden immer weniger
es ist einsam
in einem Verlies
und ich bin nervös von der Stille
es wächst die Entfernung
wenn sie gehen
und vergessen sich umzudrehen
es gibt etwas
was manche sagen
und hätten sie Schmerzen nie zu sagen wagen
es schießen Bilder quer
nach allen Seiten scharf
und sie knallen ineinander nach Bedarf
sie künden im Innern
wenn lange nichts war
und schlagen zu aus dem Ungewahr
*
kniehohe Vöglein singen vom Meer
auf kargen Skeletten
frenetisch zu Staub
jedesmal erhebt sich mein Ungestüm
ich verschwende mich blind
und ziehe den Sturz vor´ s Vergessen
*
blindes Tasten nur
ansichtslos überliefert
der blassen Schatten
rührend rühren
herum in dem Brei
*
ahnungsmüde Killer
begattende Monstren
Störungen im Wirrnissflimmer
blendend verfilzt
Lichter des Scheins
halbherzige Schatten
Stiche trunkenen Nebels
im Wellnesssalat
*
zerfetzt sie
die Schweine der Angst
erdolcht sie an einem Feiertag
stoßt sie bei Vollmond ins ewige Fressen
die verschlungene Leere sie trinkt
bremshafte Phrasen scheuern am Wald
schabt sie aus
spuckt die Kälte ins All
mit Haut und Haaren aus dem tiefschwarzen Schlund
ein Leuchten durch die Zeiten dringt
Schreie weißer Netze fliegen
reißt alles ins Verschwinden
bis zum letzten Gezücht
erstickt das Röcheln der seltsamen Blumen
kratzt den Trostschein vom Fell
die Segel sprechen neue Kriege
vom Rückfall in den Zeitverbleib
vergessener Symbiose
zu eilen
*
was soll mich ein Kind beglücken
wenn es nichts besser macht
unschuldig kaum erwacht
beginnt sein mehr oder minder
verhehrendes Marthyrium
im Diensttum der Lüge
*
sich heraus zu finden drängt
aus der schwarzen Schale voll
beschwerdenreichen Hauptes nun
gesetzt der Qual zu tragen
nur im Innern überwunden
rät es Eins zu werden tönt
der Wirren alter Bahnen Frost
im Ausweg Ewigkeit zu kinden
warm zu binden heißt es fort
der Wunde nach verwüstet Grund
kehrt zurück ins Licht befreit
in hellstem Hell zu schmecken
*
unsere eigenen Kinder
sie werden kommen
mit unbestechlichen Messern
die nicht mehr fragen
warum
möge ein Orakel sein
fieberfest
im Dämmer der Massen
eingeflößt zum Sprunge hin
einzeln sie zu kreisen
*
zerschlagt die Bettler eurer Gunst
sie stehen quer zum Eigensinn
begraben in der Tiefe tief
sammelt sich zu wehren
*
der kaputte Schein
trägt ein dunkles Kleid
am Rande der Nacht
zur Schlinge verzerrt
das Tor zu wissen
strahlend hell
sitzt der Himmel voller Raben
schwarzgetränkt vom Erdgestell
an letzten weißen Spitzen nagend
*
was treibt er nur
der Jammer Tor
der Jammer Tor
in wahren Massen
durch hält er
zum Plündern nur
im Lügenschein
des Lassens
freilich gierig
tief verimpft
stets im Anspruch
eines Gottes
sei es erst
das andere hin
bevor im Tod
er stoppend
*
tropft Gold aus der Sonne
am Rande blutig
von dunstigen Schleiern zersägt
mehrere Türme
ragen aus siedenem Sand
Stichflammen gläserner Wüste
Gebete nach Regen
in entzündetes Schweigen gehüllt
elektrische Skorpione springen
tiefer im Schatten
gigantische Geier im Stahlkorsett
die unaufhörlich wachsen
und sich langsam aber sicher
vor den ahnungslos blauen Himmel schieben
*
im Wissen um Nichts
trommelt zwangsnormale Not
an die Grenzen des Eigenen
des gesamten Menschengeists
vor´m klaffenden Abgrund
drängen Entscheidungen
in Bezug auf uns selbst
alle Wahrnehmung zu übertreten
durch totgesagte Konsequenzen
das zerstreute Selbst zu binden
und über schonungslose Einsicht
in ein unbekümmertes
der Grenzen überwundenes
Dasein zu finden
*
jeder sein Rätsel
gespalten noch
und halb geblieben
tragisch zerrissen
im Rang eines Gottes
sinkt er bald
benommen nun
die Welt zu plündern
vor Fressrausch blind
in Orgiennebeln
sich selbst austreibend
auf ewig tragisch
das ungeliebte Kind
*
atmen wir ein
den volltrunkenen Schein
der die Wände zerbebt
atmen pechschwarze Schatten
in rasender Verzückung
die Aushöhlung des Selbst
fallen klebrige Himmel
in den tanzenden Schlamm
die dringende Nacht
fleht um ihre Gebeine
gebrochen in der Ferne
zerrinnt die Ewigkeit
*
verschwommene Zungen
verweben den Raum
aus zerstäubtem Blutfraß
starren die Ahnen
verlorene Artefakte
im Wandel des Stroms
erinnerte Wachträume
gebunden ans Grab
neblige Wunder
quellen im Rausch
den gebündelten Schrei
zu vollstrecken
*
was zehrst du dich
ich trage ein verlassenes Licht
ich finde nur Wenige die es verstehen
alle anderen sind tot
ich muss mir selbst helfen
mögen sie nie aufhören
mir zu wiederstehen
ich mag in Ingrimm baden
*
das Ein und Einzige
verwundet im offenen Meer
erdenalt schweigen verborgene Himmel
gehetzter Staub sucht sein Entrinnen
verfolgt von selbst beschworenen Schatten
schwindet langsam dünn das Licht
im Dunkel lebt Erwachen
*
der Boden streikt
die Füße wunden
gib Rast mir
mich drosselt der Strick
die Lüfte brennen
nimm die Augen weg
der Dunst steht deutlich
Ritterruhen
*
such nicht nach mir
ich warte am Ende des Nebels
ein uralter weiser Vogel
zerhackt mir stündlich mein Herz
unter strahlend weißem Schnee
leuchtend rot
mit echtem Blut betropft
die Schönheit der Wunde
blendet zum Mond
tiefes Blau erwärmt die Weite
verlorene Landschaften blühen
ferne Lichtkreise heilen
such nicht nach mir
neue Gewölbe entstehen
lass sie leicht sein
die Tage stehen allein
ich muss sie finden
bevor die Rätsel erstarren
die niemand mehr
will lösen
*
sei kein Scherz
die Weiße blutet
gewaltig wankt
das Urzelt der Welt
*
lass die Trauer fliegen
alle Tränen liegen im Fluss
zerbrochene Lichter flimmern
stumpf erblindet im Spiegel
die Strasse drängt der Leiche gleich
pausenlos zu morden
Fingerabdrücke nach Hause
im Dunkel räkeln Schnelzenstellen
zur Allseitsflucht nach Nirgendwo
Nimmerwas zu lieben
*
ich träufle Gift in ihre Ruinen
ihr Atemfraß erblindet mich
schwarzmalende Zungen erpichten
mir ihr niederstes Gewänst an die Hacken zu pflichten
*
das Geheimnis der Flammen im Spiegel
die Bilder vom Ausmaß der Schmerzen
wenn gierige Glut die Ferne zerschmilzt
wachsen Blenden ins Nichts
flauer Schaum in Erwartung der Axt
orientierungslose Rasierklingen wirken verbissen
das Blinde ihrer Panik zerschnetzelt den Traum
entwurzelte Rotten leben gefährlich
selbstlos quillt ihr Irrtum auf
*
die Nacht zieht ihre Mauern
feinster Nieselregen schreckt
gedämpfter Stadt
scheuern Schneisen ins Zwielicht
*
tiefe Verlassenheit zerrt
verstümmelt hängt sie im Rauch
ihre Ketten erweinen keine Flucht
von gemeucheltem Morgen
miniaturquadratischer Grotten
an einem fauligen Mond
wo trübe Becher regnen
sieh den verkümmerten Reiz
wenn er seine Hunde zieht
mühlsteingroß zu bergen
die längst verwehte Tracht
*
es wächst die Glut einer himmlischen Stille
ihr flüssiger Kern fließt direkt aus dem Ursprung der Mutter
an ihrem Nabel gibt es keine Schlachtfelder blutrünstiger Blumen
alles ist ein Traum aus gesteigerten Rosen
man trinkt vom Nektar ohne zu denken
im Tiefenrausch vereint mit der Sonne
es gibt nichts zu tun als sich hinzugeben
in einem Reich satter, nicht zu begreifender Schönheit
keine archaischen Messer schlitzen
jenseits aller finsteren Hatz wartet niemand
dass ihn eine unfertige Eisblume streift
in den Grüften vergessener Tage
wo Illusionen ihren Abglanz flochten
wo gewaltige Schaaren entzündeter Augen
mit blutleeren Küssen ins Erblinden bebten
bezweifelt niemand die Einheit
nirgendwo winselt ein Wald
*
es beginnt wenn ihre Köpfe sieden
im Leerstand des Blutes wühlen alte Hymnen
die zerloderten Laiber zu vergießen
und in rauschhafter Auflehnung
dem letzten Kerker zu entwinden
aufgelöst in majestätischer Stille
*
dem Dunkel entpresst
erlag ich in einem Palast
voller Wunder und Weite
schwebende Lichtlinien
verführten mein Herz
verschwommene Gestalten
kamen und begossen mich
mit Blut verwaschener Milch
ich reagierte gierig
und trank mich wund
Vermummte tauchten auf
ganze Himmel voll
mit gigantischen Spießen
aus bepinselten Knochen
die mich aufrissen
in einer zwielichten Kammer
die euphorisch dicht
ihre Ausgänge schrumpfte
bis die Luft zu dünn
und ich erwacht
*
verschüttet vom Grund
brennt das Abbild der Blumen
seine Flammen verschlingen mich
schlimmer als die heiligen Huren
reißen sie alles enzwei
bis bitter schweigend
nur noch bewusstlos am Ball
grotesk geisternde Zwitterblumen
in vergilbtem Nebel
gebettet im Index ihrer Panik
entsetzlich werden
um nie wieder auszuruhen
verfolgt im Genickschuss
*
sag mir den Sarg
der sich lohnt
ich entbinde ihn
kein Blut mag mich hindern
und sagen was es meint
wenn das Schweigen zerbrüllt
was faulige Schlangen kreischen
und von Weichtum zersägt
uralte Gewissheiten greifen
*
verzeih mir
ich rate Flammen zum Meer
dem Irsinn aufzulauern
um die Fluten im Fahrwasser abzutrennen
und zu häkeln am Entrinnen
während schleichend schleicht
was verlöst den Punkt