Texte - Ivo Sachs

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Ich war endlos gewandert, durch verlassene Gegenden, über messerscharfe Gebirge, Hochländer aus Eis, hatte Wüsten durchquert, um am Ende das gelobte Land zu sehen, und hatte es gesehen … zerfetzt und ausgedörrt, in einem Wald hängend aus Kreuzen, und war erstarrt, tagelang, und flehte sie an, mich hinzu zu hängen, dreckig wie ein Schwein, die Schnauze im Schlamm, was die belagernden Hunde wahnsinnig machte. Männer aus Stahl kamen und sperrten mich in ihren tiefsten Kerker, wo es kein Licht gab und ich mir an den dunklen Mauern Kopf und Glieder blutig schlug, als Kind der Freiheit, das war schlimm. Stunde um Stunde versuchte ich mir die Gefühle zu durchschneiden, doch es ging nicht, und ich warf mich gegen die Gitter und schrieb Briefe im Kopf und wollte sterben, nur ins Schwarze noch, als man mir eine Pistole an den Schädel hielt, wonach ich nichts mehr weiß.

Ich erwachte auf einer Brücke, anscheinend nach längerer Zeit, übersät mit Narben, ausgemergelt wie ein Stock und schleppte mich zur nächsten Weggabelung, als mir ein stolzes Gesicht auffiel, dessen Schweigen mich in seinen Bann zog und mir den Kreis der Sonne erklärte, ohne ein einziges Wort. Wir gingen durch eine Wüste voller Zeichen, die plötzlich Sinn ergaben und sprachen mit Tieren und Geistern, die uns vom Ursprung erzählten, den die Zersetzung vor langer Zeit zerteilt hatte. Und mein Begleiter führte mich weiter, wir trafen die Urväter und ohne mein Zutun verließ mich mein Schutz, den ich hier nicht mehr brauchte. Und die Väter ließen mich sitzen, etwas abseits, allein, bis einer kam und mich in ein kochend heißes Zelt aus Steinen führte, die Trauer ausschwitzen, bevor sie mich heraus trugen und in einen Bach warfen, dessen eiskaltes Wasser mich verjüngte, auf der Stelle. Man rieb mich mit Sand ab und salbte mich gegen den Wind, mit der Milch wilder Tiere, die sie im Tanz gereinigt hatten, und führte mich an das größte der Feuer, hier tanzten die Jungfrauen, vermählt mit den Pilzen der Nacht, und ein uralter Mann kam heran und durchbohrte mich mit den Augen seines mächtigen Gottes und reichte mir einen Trank, der mir die Eingeweide ausbrannte und etwas abtötete in mir. Die schönen Geschöpfe nahmen mich in ihre Mitte und wir verschwanden zwischen den Flammen in wahren Sinnesbeben, alle Zeit hatte sich aufgelöst, doch auch dass hörte auf, und ich fand mich völlig erschöpft in die Höhen des Himmels schwebend, noch das vertraute Lachen im Ohr, als sich der Nebel teilte und ein Diener kam, seine Königin ließe mich rufen. Ich folgte ihm in eine Kathedrale, so alt wie die Welt selbst, wo eine mächtige Stimme ertönte, ich solle vor eine riesige Schlange treten, gewunden um das Bett der Königin, mit unzähligen Köpfen, hinter denen sie strahlte, dass ich fast blind wurde, worauf die Köpfe des Ungeheuers hervor schnellten, tödlich, und ich sie abriss, als seien es vertrocknete Nelken.

Die Königin lächelte, dass es mir durch und durch ging, sie war nackt, winkte mich heran und umhüllte mich mit ihrer Haut, die mir alles zurück gab, was ich je verloren hatte. All die Tragik fiel ab und wir brannten uns Zeichen ein, nun waren wir verbunden. Ich wurde mir der Verantwortung bewusst und weinte vor Glück, und von überall schwebten Gesänge heran, merkwürdig entrückt, und die Wände um uns herum begannen zu versinken, bei einer geheimnisvollen Musik, die alles noch verstärkte. Im Hintergrund murmelten die Dienerinnen und von weitem sang ein Schamane, tief wie ein Messer, mitten aus dem trottenden Vieh, und die Königin hielt inne, und Hand in Hand sahen wir uns die tiefen Abgründe zwischen den Massen und den Müll überall, die öligen, steifen, verstellten Prediger, mit all ihrer Dummheit in den Gesichtern an, und wie sie gelangweilt auf die blechernen Trommeln schlugen, die sie den Zigeunern weggenommen hatten und die sie nun mit verzerrten Mäulern, an sterilen Pfählen quälten, während diese herzzerreißende Lieder sangen, mit allem Schmerz der Welt, die mich schwach machten, selbst die Tiere weinten.

Und wir machten uns auf den Weg, hinab in die Enge, in die nächste Stadt, und besorgten uns nichtssagende Kleider aus einem Kasten an der Strasse und hielten an einem Spätshop und gingen weiter und legten uns mit einem Sixpack ins sommerlich feuchte Gras, neben eine verlassene Bank im erstbesten Park, wo andere Flüchtlinge hinter flackernden Tannen, totes Fleisch aus dem Supermarkt grillten.

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immer wieder

verteilt über die Stunden

Spritzer von Klarheit

die mich niedermähen

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da gingen sie

weich im Panzer

ruhig gestellt

an Schläuchen

bleich ins Eis

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keine Überraschungen mehr

unter Teebeuteln verschüttet

der abklingende Ton

Reste eines Seidenflakons

rot blinkende Ziffern

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spät

niemals schwarz

sind die Messer

fein ziseliert

und spritzen Farben

himmelrot

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irgendwo brannte es

in der Dunkelheit

bizarr leuchtende Gebilde

die uns den Atem nahmen

und wir erzählten uns alles

dabei verschwiegen wir eine Menge

einvernehmlich

unter einer Uhr

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versengt von der Wahrheit

kapituliert vor den Versprechen

hängen die Schwäne

am Ende des Sommers

tot im Sonnenflur

an einem Draht

in den schweigsamen Himmel

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Letzte Nacht

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An nächtlicher Kreuzung

acht mit dunklem Tuch verhüllte Männer

im Ampelrot starr

an jeder Ampel einer

aufrecht wie Lanzen

warten

stehen

bis abwechselnd jeder

nach längerer Pause

Unverständliches stöhnt

tonlos blutleer

dann automatisch wirr lachend

in den Nebel

über nass schmierigen Kopfstein

vernarbter Straße …

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Gehe unauffällig hindurch

an nächster Kreuzung dasselbe

Ampeln rot

acht starr stehende

ab und zu monströs entgleisende Gestalten …

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Tippe eine an

nichts

Körper wie Stein

hart

kann kein Gesicht finden

werde schneller

fange an zu rennen

in einen U-Bahnschacht

warte zwischen zwei schlafenden Bündeln

dumpfe Minuten auf einer bekritzelten Bank

durch gespenstische Tunnel

drei Stationen mit Opfern der Nacht

der Waggon stinkt

drücke den Türknopf renne hoch

niemand

alle Ampeln normal

keine …

l

Beruhige mein Herz

schließe das Rad vom Pfahl

steige auf

spalte sterbendes Laub

bis

zu mir

lande im Bett und binde

meine Seele

los …

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Ameisen

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Höher

schneller

weiter

Maschinenparks

umzingelt von

Ameisen

irre Ameisen

fressen

alles

auf.

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  • in “Frau und Hund” Nr. 13 / Zeitschrift für kursives Denken – Herausgeber: Markus Lüpertz (2008)